Geschichten erzählen – Am Weg zum Narrativ der Gruppe

Dynamic Facilitation (DF) und C. G. Jungs Konzept der Individuation teilen ein gemeinsames Grundinteresse: die Entfaltung des Potenzials, wobei sich Jung auf das Individuum beschränkt und wir mit Dynamic Facilitation auf der Gemeinschaftsebene in Gruppen arbeiten. In der Arbeit der renommierten Jungianischen Psychotherapeutin Verena Kast wird der Prozess der Individuation als eine Reise beschrieben, auf der Menschen zu einem tieferen Verständnis ihrer selbst gelangen, ihre einzigartigen Fähigkeiten erkennen und integrieren und somit ein authentischeres Leben führen können. In der Jung’schen Psychotherapie wird das Erzählen von Geschichten als wesentlich für die Entwicklung der eigenen Kreativität und Selbstwirksamkeit gesehen. Insbesondere archetypische Narrative, wie sie in Märchen und Mythen vorkommen, bieten Orientierungshilfen und Erkenntnisse, die sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart und Zukunft beeinflussen können.

Dynamic Facilitation bietet eine Methode, die ähnliche transformative Prozesse in Gruppenkontexten ermöglicht. Dabei werden Teilnehmende ermutigt, ihre eigenen Perspektiven, Ideen und Bedenken offen zu legen, um gemeinsam kreative Lösungen für komplexe Herausforderungen zu entwickeln. Dies geschieht in einem nicht-linear strukturierten Gespräch, das durch eine:n Facilitator:in geleitet wird. Die Methode legt Wert darauf, dass alle Stimmen gehört werden und dass die Gruppe durch einen Prozess des gemeinsamen Verstehens und der kollektiven Einsicht voranschreitet. Wie in Jungs Theorie der Individuation, wo das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte und das bewusste Auseinandersetzen mit persönlichen sowie archetypischen Symbolen zentral sind, ermöglicht DF den Teilnehmenden, ihre individuellen Geschichten und Perspektiven in den Dienst der Gruppe zu stellen. Dies fördert nicht nur individuelle Wachstumsprozesse, sondern auch das Gruppenbewusstsein. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfahren dabei oft eine Form der kollektiven Individuation, in der sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Gruppe in einem neuen Licht sehen.

Diese kollektive Individuation in DF kann besonders wirkungsvoll sein, weil sie es ermöglicht, die verschiedenen, oft unbewussten, untergründigen Strömungen und Dynamiken innerhalb einer Gruppe sichtbar zu machen und zu integrieren. Wie Jung betonte, dass die Anerkennung und Integration des Schatten-Selbst essentiell für die persönliche Entwicklung ist, so hilft DF dabei, „den Schatten“ innerhalb von Gruppen zu erkennen und zu bearbeiten. Dies kann zu tieferem Verständnis und effektiverer Zusammenarbeit führen.

Dynamic Facilitation schafft somit eine Brücke zwischen Jungs Konzept der Individuation und der praktischen Anwendung in der Gruppenarbeit. Es gibt dabei noch einen zusätzliche Aspekt, den wir insbesondere bei der Anwendung von Dynamic Facilitation im Zuge der Bürgerbeteiligung beachten sollten. Hier haben wir es in der Regel mit einer Zufallsauswahl von Bürger:innen zu tun, die symbolisch für die Gesellschaft steht. Systemisch gesehen geschieht der Individuationsprozess somit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Dementsprechend gilt das, was in der kleinen Gruppe besprochen wird, genauso für das ganze System (Gesellschaft) aus dem die Teilnehmer:innen gelost wurden. Die gruppe ist ein Fraktal des großen Ganzen. So ist auch erklärlich, weshalb die Ergebnisse der Bürger:innen-Räte in der Regel auf wenig bis keinen Widerstand stoßen, ganz im Gegenteil – zumindest in der Bevölkerung gibt es einhellige Zustimmung zu den Ergebnissen – so sie nachvollziehbar präsentiert und nicht in Form von losgelösten Forderungen an die Politik adressiert werden.

Der Österreichische Klimarat – hier wurde Dynamic Facilitation zur Konfliktmoderation eingesetzt.



Dynamic Facilitation bietet einen sicheren, respektvollen und kreativen Raum, in dem Transformation ermöglicht wird. Dieser Prozess unterstützt nicht nur das individuelle Wachstum der Teilnehmer, sondern auch das kollektive Streben nach einer harmonischeren und bewussteren Gestaltung der gemeinsamen Lebensumwelt. Am Schluss stehen dann Lösungen ohne Widerstand. Werden diese in Geschichten mit Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsbezug gepackt, so sind sie auch für die, die nicht dabei sein konnten nachvollziehbar und sinnstiftend.

Mehr dazu im Artikel über die Lösungsnarrative.

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